Frühling 2010: Wenn die Vergangenheit plötzlich wieder im Rampenlicht steht, bleibt kein Stein auf dem anderen. Nora Sängers Debütroman ECHO96 ist eine nostalgische und zugleich tiefgründige Reise zurück in die Zeit der Boygroups, der großen Träume und der ungeschriebenen Abschiede. Doch das Besondere: Der Roman wird von einem eigenen, im Tonstudio produzierten, Soundtrack begleitet. Wir haben mit der Musikerin und Autorin darüber gesprochen, wie sie die emotionale Sprache der Musik mit der Erzählkraft ihres Romans verschmolzen hat und was uns dieses fulminante Gesamtkunstwerk über das Älterwerden und die Kraft der Erinnerung erzählt.
Die 90er-Jahre und die Boygroup-Euphorie sind das Herzstück deines Romans. Was hat Dich gereizt, diese Ära nicht nur als Kulisse zu nutzen, sondern sie durch den Roadtrip ins Jahr 2010 so schmerzhaft und zugleich hoffnungsvoll mit der Gegenwart zu verweben?
Der erste Impuls, die Nineties im Buch aufleben zu lassen, kam tatsächlich aus der musikalischen Ecke. Als Singer-Songwriter hat es mich gereizt, Songs zum Buch zu schreiben, die die Popmusik der Neunziger zitieren. Aber als ich dann tiefer eingetaucht bin, habe ich mich sehr daran erfreut, auch Erinnerungen aus meiner frühen Jugend wieder aufleben lassen zu können. Ob nun Bravo, Eurodance oder Pretty Woman oder Impulse Deo – ich musste mehr als einmal schmunzeln.
Julia findet durch die Begegnung mit Tom Perry und das Tourleben zurück zu alten Fragen – besonders in Bezug auf ihre beste Freundin Jessy. Warum ist Musik für Dich das ideale Transportmittel, um diese Art von „unabgeschlossener“ Trauer und Aufarbeitung zu erzählen?
Musik ist ein Speicher für Gefühle und Erinnerungen. Ich glaube, das kennen wir alle. Wir alle haben diese Songs, die ganz stark mit bestimmten Mitmenschen, Situationen und Erlebnissen verknüpft sind. Durch das Hören dieser Songs können wir in Kontakt mit etwas kommen, was in unserem Alltagsbewusstsein schon länger keine Rolle mehr gespielt hat. Darüber hinaus ermöglicht / vereinfacht Musik m.E. nach ganz generell den Zugang zu Gefühlen, an die wir aus uns heraus vielleicht manchmal nicht so gut rankommen.
Du bist seit über 20 Jahren als Sängerin und Songwriterin erfolgreich. Wie sehr hat Deine jahrelange Erfahrung im Tonstudio und auf der Bühne deine Herangehensweise als Autorin geprägt? Gibt es einen Rhythmus im Schreiben, der dem Songwriting ähnelt?
Romanschreiben und Songwriting sind für mich in vielerlei Hinsicht zwei verschiedene Paar Schuhe. Ein Roman ist einfach viiiiieeel länger und aufwändiger. Einen Song würde ich vielleicht eher mit einem Kapitel vergleichen. Außerdem funktioniert ein Song auf zwei Ebenen: Musik & Text. Ein Roman hat nur die Textebene, auf der er sich übermitteln muss.
Rhythmus beim Schreiben… ich bin vermutete ADS-lerin, und wenn ich richtig in einer Geschichte oder einem Song drin bin, kann ich im Hyperfokus in kurzer Zeit echt viel schaffen.
Was ich aus meiner langjährigen Erfahrung als Songwriterin für den Roman ziehen konnte, ist das Gefühl des “bei 90% fertig Seins.” “Nur 90%!?!?!?” könnte man jetzt entsetzt fragen… Das Komplizierte ist ja: Bei Kunstwerken besteht immer die Gefahr, nie fertig zu sein. Weil man immer noch etwas verändern / anpassen könnte. In der Musik habe ich mit der Zeit gelernt, bei einem Gefühl von “jetzt habe ich wirklich gute 90% vorliegen” Schluss zu machen. Und damit fahre ich sehr gut. Mit etwas Abstand betrachtet kann ich alle meine Songs (und jetzt auch meinen Roman) als sehr stimmige, und dann witzigerweise zu 100% fertige Werke annehmen. Und im Kopf wird man dadurch freier. Denn das Gedankenkarussell von “Ist das wirklich vollständig?” und “Ist es gut genug?” hört damit auf. Und man erlaubt sich, abzuschließen und zum nächsten Projekt weiterzuziehen.
Denn das ist meine Auffassung von mir als Künstlerin (Musik & Literatur): Ich möchte viele Geschichten erzählen. Nicht nur immer wieder an derselben feilen. Mein nächstes Buchprojekt habe ich also schon ganz locker begonnen 😉
Du bezeichnest ECHO96 als Gesamtkunstwerk. Wenn Du schreibst, „hörst“ Du dann schon den Soundtrack dazu, oder entsteht die Musik erst als Reaktion auf das geschriebene Wort?
Im Falle von ECHO96 habe ich die meisten Songs der fiktiven Boygroup “Echo96” gleich beim Schreiben des Romans gehört, und schnell ein paar Fetzen meiner Songideen als Sprachmemo eingesungen, damit ich sie nicht vergesse. Und dann später ausformuliert und fertig komponiert. Bei anderen, von Musik begleiteten Schreibprojekten, kann es aber auch mal andersrum sein: Ich habe einen Song geschrieben, der in irgendeiner Form zur Stimmung / zur Figur etc. passt, und dann passe ich den Romantext an einer bestimmten Stelle zum Song passend an. Aber meistens kommt eher die Musik. Musik lässt Gefühle und Bilder entstehen, die die Begebenheiten im Roman deutlich werden lassen.
Ein Buch und ein Soundtrack – das klingt nach einem gewaltigen kreativen Projekt. Gab es während dieser Doppelarbeit den Moment, in dem ein Song plötzlich eine Szene im Buch komplett verändert hat, weil die Melodie eine andere Wahrheit erzählt hat als Dein ursprünglicher Plot?
Nein, diese Situation gab es nicht. Irgendwie hat es hingehauen, dass mein Plot und die Songs sich organisch aufeinander abgestimmt haben. Es ist ja auch so, dass die Songtexte nicht wie etwa im Musical die Handlung konkret weitererzählen. Es sind typische Popsongs, denen ein Storytelling und ein Gefühl zugrunde liegt, die aber ganz bewusst Interpretationsspielraum lassen. Die “Hauptsingle” des Romans, “Fingerprints”, erzählt von der Abwesenheit einer Person. Julia hört darin sowohl die Trennung von ihrem letzten Freund, als auch die Abwesenheit ihrer Freundin Jessy. Worüber die Songwriterin, nämlich die Romanfigur Linnea Lux, den Song aber tatsächlich geschrieben hat – das offenbart sie nichtmal. Sie ist damit zufrieden, dass Julia der Song etwas gibt, das sich für Julia stimmig anfühlt. Und so war meine Rangehensweise an alle Songs. Weil ich das als typisch für Popsongs empfinde. Emotionen, Messages, Bilder werden transportiert, die subjektiv aufgefasst und ans eigene Erleben / die eigene Gefühlswelt angepasst werden.
Wenn man nach all den Jahren im Musikgeschäft plötzlich ein fiktives Boygroup-Projekt wie ECHO96 ins Leben ruft: Fühlt sich das für Dich wie eine spielerische Hommage an oder wie die Aufarbeitung einer Zeit, die wir alle irgendwie vermissen?
So habe ich das noch gar nicht betrachtet 🙂 Popmusik der späten Achtziger und frühen Neunziger ist bei mir einfach im Rückenmark drin – ich habe schon als Kind alles an Musik rauf- und runtergehört, an das ich rankommen konnte. Das waren hauptsächlich Whitney Houston-Kassetten, Sampler wie “Kuschelrock” und Radio. Alles von Phil Collins bis Tina Turner aus dieser Zeit hat mein musikalisches Gehör extrem geformt und beeinflusst. Ich hatte einfach Bock, im Falle von ECHO96 von diesem Depot an musikalischen Gesten Gebrauch zu machen. Bisher habe ich Songs immer nur für mich zur Verwendung geschrieben. Ich war also ganz gespannt wie es werden würde, meine Titel den Boygroup-Sängern zu übergeben. Was soll ich sagen: ich bin vom Ergebnis hellauf begeistert und finde es künstlerisch sehr bereichernd festzustellen, dass andere Interpreten das eigene Material auf ihre Weise zu etwas ganz Besonderem machen können.
Informationen zur Autorin
Nora Sänger ist deutsche Singer-Songwriterin und Autorin der Bücher „Bonfires“ und „Echo96″. Beide Bücher hat sie durch selbst kreierte Soundtracks begleiten lassen.
Ihr Debütroman „Echo96″ ist auf Amazon verfügbar.

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