Weniger ist auch gut genug“ – Andrzej im Interview über den Druck der Selbstoptimierung und die leise Erschöpfung der Gegenwart

Was passiert, wenn Achtsamkeit zum nächsten To-do wird und Selbstverwirklichung zur Pflicht? In seinem neuen Buch „Weniger ist auch gut genug“ wirft Andrzej einen kritischen, aber empathischen Blick auf die moderne Arbeitswelt und unsere inneren Antreiber. Wir haben mit ihm über die Paradoxien von New Work und den Mut zur Lücke gesprochen.

Was war der ursprüngliche Impuls für dieses Buch?

Der Impuls für dieses Buch ist aus einer Mischung entstanden – aus Beobachtungen an mir selbst und aus der Arbeit mit Menschen in Organisationen und in meiner therapeutischen Praxis.

Ich kenne aus eigener Erfahrung eine leise Unruhe, die oft dann auftaucht, wenn es eigentlich ruhig werden könnte: wenn ein Ziel erreicht ist oder ein Projekt endet. Dann stellt sich schnell die Frage: Was kommt als Nächstes? Was noch?

Dabei ist mir aufgefallen, dass wir im Kontext moderner Arbeit kaum einen Umgang mit genau diesen Momenten haben. Mit Zeiten, in denen nichts optimiert oder weiterentwickelt werden muss. Einfach nur zu sein, einfach genug zu sein – das fällt vielen schwer.

Aus dieser möglichen Ruhe entsteht paradoxerweise oft neuer Druck. Statt Entspannung kommt der Impuls, weiterzumachen, sich zu verbessern, sich neu auszurichten.

Diese Dynamik begegnet mir nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei vielen Menschen, mit denen ich arbeite. In Organisationen ebenso wie in der therapeutischen Praxis treffe ich auf Menschen, die scheinbar alles richtig gemacht haben – und dennoch erschöpft sind.

Mit der Zeit wurde mir klar: Das ist kein individuelles Problem, sondern ein kollektives Muster – ein Zusammenspiel aus äußeren und inneren Erwartungen.

Dieses Buch ist ein Versuch, diesem Muster nachzugehen und einen Raum zu öffnen, in dem solche Fragen stehen dürfen.

Und vielleicht liegt darin auch eine kleine Ironie: dass ausgerechnet der Wunsch nach weniger am Ende wieder in ein neues Projekt mündet.

 Der Titel „Weniger ist auch gut genug“ wirkt fast wie ein Gegenentwurf zur heutigen Leistungskultur. Was bedeutet dieser Satz für Sie persönlich?

Für mich ist dieser Satz keine Absage an Engagement oder Entwicklung. Es geht nicht darum, weniger zu wollen oder sich mit weniger zufriedenzugeben. Im Gegenteil: Darin liegt eine wertvolle Quelle von Motivation und Zufriedenheit.

 „Weniger ist auch gut genug“ richtet sich für mich gegen die Vorstellung, dass unser Wert ständig bewiesen werden muss. Der entscheidende Fokus liegt auf dem „gut genug“. Es bedeutet: gut genug, ohne permanenten Rechtfertigungsdruck.

Wenn Leistung und Entwicklung nicht mehr davon getrieben sind, den eigenen Wert immer wieder unter Beweis stellen zu müssen, entsteht ein anderer Raum – einer, in dem Motivation aus innerer Überzeugung wächst, nicht aus ständigem Druck.

„Die größte Entlastung beginnt dort, wo wir aufhören, mehr aus uns machen zu müssen – und uns erlauben, dass weniger auch gut genug sein darf“

Sie beschreiben eine leise Erschöpfung, die viele Menschen trotz Achtsamkeit und Selbstentwicklung spüren. Woran liegt das?

Ich glaube, diese leise Erschöpfung entsteht, weil Achtsamkeit und Selbstentwicklung selbst unter einen Effizienzgedanken geraten sind. Sie werden Mittel zum Zweck: Ich soll achtsam sein, um leistungsfähiger zu sein. Ich soll mich entwickeln, um erfolgreicher zu werden.

Damit verlieren sie ihre ursprüngliche Funktion. Was eigentlich entlasten könnte, wird zum nächsten To-do – und kippt in Erwartungsdruck.

Im Hintergrund wirken dabei oft das, was ich im Buch die „New-Work[1]Antreiber“ nenne: subtile innere Aufforderungen, ständig an sich zu arbeiten, sinnvoll zu leben und sich weiterzuentwickeln.

Das kann bereichernd sein – erweitert aber auch die Fläche, auf der wir uns selbst bewerten. So entsteht schnell der Druck, nicht nur gut zu arbeiten, sondern auch „richtig zu leben“. Und genau das kann erschöpfen.

Weniger ist auch gut genug:
Die schöne neue Arbeitswelt zwischen Selbstoptimierung und Burnout

Wo kippt etwas eigentlich Gutes ins Belastende?

Die meisten Ideen der modernen Arbeitswelt sind ursprünglich sehr sinnvoll: mehr Selbstbestimmung, mehr Gestaltungsspielraum, mehr Sinnorientierung.

Problematisch wird es, wenn aus Möglichkeiten Erwartungen werden. Wenn Selbstverwirklichung nicht mehr Einladung ist, sondern implizite Pflicht. Wenn Authentizität zur Rolle wird oder Sinn zur moralischen Messlatte.

Dann entsteht eine paradoxe Situation: Was als Befreiung gedacht war, wird zur neuen Form von Verpflichtung. Im Hintergrund wirken dabei oft die „New-Work-Antreiber“ – als subtile Aufforderung, mithalten zu müssen, sich ständig weiterzuentwickeln, nicht zurückzufallen.

Wo die Sorge entsteht, nicht zu genügen oder ausgeschlossen zu werden, wächst der Druck, etwas darstellen zu müssen. Es beginnt eine Form von Inszenierung – und damit auch die Gefahr, sich von sich selbst zu entfremden.

Ihr Buch ist bewusst kein klassischer Ratgeber. Warum?

Ich glaube, dass es Ratgeber mehr als genug gibt – vielleicht sogar zu viele. Und so hilfreich sie sein können, können sie bei diesem Thema auch ungewollt Teil der Dynamik werden, die sie eigentlich lösen wollen.

Viele Menschen erleben heute bereits einen hohen Druck zur Selbstoptimierung. In dieser Situation noch einen weiteren Leitfaden mit Strategien und „Schritten zum besseren Leben“ hinzuzufügen, erschien mir wenig hilfreich.

Mir ging es weniger um neue Techniken als um eine andere Perspektive. Veränderung beginnt oft nicht mit einer Methode, sondern mit einem veränderten Verständnis dessen, was uns bewegt.

Deshalb wollte ich eher einen Raum zum Nachdenken öffnen. Einen Blick darauf, was bereits da ist – und was vielleicht schon reichen darf.

Statt Antworten vorzugeben, stelle ich Fragen: Welche Erwartungen tragen wir eigentlich in uns? Woher kommen sie? Und welche davon sind wirklich unsere eigenen?

Was meinen Sie mit dem Begriff des „ideologischen Ichs“?

Mit diesem Begriff beschreibe ich eine Art inneres Selbstbild, das stark von gesellschaftlichen Idealen geprägt ist. Dieses Ich orientiert sich weniger daran, wer wir tatsächlich sind, sondern daran, wer wir glauben sein zu müssen.

In der modernen Arbeitswelt zeigt sich das zum Beispiel in der Vorstellung, ständig besonders, effizient, agil, positiv und sinnorientiert sein zu müssen.

Das Problem ist nicht, dass diese Eigenschaften an sich schlecht wären. Problematisch wird es, wenn sie zu stillen inneren Imperativen werden – zu Erwartungen, denen wir glauben entsprechen zu müssen, um als erfolgreich oder wertvoll zu gelten.

An wen richtet sich dieses Buch besonders?

Eigentlich richtet sich das Buch an alle, die sich in der heutigen Arbeitswelt wiederfinden – an Menschen, die sich mit ihrer Arbeit identifizieren möchten und zugleich spüren, dass genau diese Verbindung auch Druck erzeugen kann.

Gleichzeitig spreche ich Menschen aus Kontexten wie Führung, Coaching, HR oder Organisationsentwicklung an – also diejenigen, die moderne Arbeitswelten mitgestalten und prägen. Meine Hoffnung ist, dass die „New[1]Work-Antreiber“ durch mehr Sichtbarkeit auch sensibler wahrgenommen werden – und dadurch entlastend wirken können.

Mich erreichen aber auch Rückmeldungen von Menschen, die einfach merken: Diese moderne Arbeitskultur hat nicht nur eine inspirierende, sondern auch eine ambivalente Seite.

Vielleicht ist das Buch genau für diejenigen geschrieben, die sich zwischen Begeisterung für neue Arbeitsformen und einer leisen Skepsis bewegen. Vielleicht ist das Buch am ehesten für diejenigen geschrieben, die sich irgendwo zwischen Begeisterung für neue Arbeitsformen und einer leisen Skepsis bewegen.

Welche inneren Antreiber begegnen Ihnen besonders häufig?

In der heutigen Arbeitswelt sehe ich vor allem zwei sehr starke Antreiber: den Wunsch, besonders zu sein, und den Anspruch, ständig effizient zu bleiben.

Der Antreiber „Sei besonders“ zeigt sich etwa im Druck zur Selbstverwirklichung, zur persönlichen Marke oder zur individuellen Wirkung. Gleichzeitig wirkt „Sei effizient“ durch Optimierung, Produktivität und messbare Ergebnisse.

Der vielleicht am wenigsten hinterfragte Antreiber ist jedoch „Sei positiv“. In vielen Organisationen entsteht eine subtile Erwartung, Zweifel oder Unsicherheit nicht zu sehr zu zeigen. Dabei gehören gerade diese Gefühle zu jeder echten Entwicklung.

Was wünschen Sie sich, dass Leser nach der Lektüre anders sehen?

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Ich wünsche mir vor allem eine kleine Verschiebung im Blick auf sich selbst – hin zu mehr Freundlichkeit im Umgang mit den eigenen Ansprüchen. Mehr Milde, mehr Erlaubnis, einfach Mensch zu sein – jenseits von Effizienz und Optimierung, auch im Arbeitskontext.

Weniger Inszenierung, mehr Sein. Mehr Mut zur Pause, mehr Raum, in dem Sinn und Authentizität entstehen dürfen, statt produziert werden zu müssen.

Viele Menschen haben das Gefühl, ihr Leben ständig optimieren zu müssen, um „genug“ zu sein. Wenn das Buch dazu beiträgt, diesen inneren Druck etwas zu relativieren, wäre schon viel gewonnen.

Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem neuen Ziel, sondern mit der leisen Erkenntnis, dass wir uns selbst weniger beweisen müssen, als wir denken.

Die zentrale Botschaft Ihres Buches in einem Satz?

Die größte Entlastung beginnt dort, wo wir aufhören, mehr aus uns machen zu müssen – und uns erlauben, dass weniger auch gut genug sein darf

Besuchen Sie die Website des Autors für weitere Informationen: [https://elephant-skills.de/]